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Die Landesnatur als geschichtsbildende Kraft

Wie jede Landesgeschichte lehrt auch die nieders?chsische, wie stark die Natur die Geschichte bestimmt. Schon ein flüchtiger Blick auf die Landkarte zeigt, da? die gro?en Flüsse an ihrem Unterlauf eher siedlungsabweisend gewirkt haben müssen. In ihren breiten Urstromt?lern uferten sie im Mittelalter m?andrierend aus, breite Sumpfniederungen bildend. An der Küste hatten in dieser Zeit noch keine H?fen einem gr??eren Schiffsverkehr Schutz bieten k?nnen, Piraten fanden hier allenfalls ihre Schlupfwinkel, die Küstenschiffahrt war wenig bedeutend. Diese Küste war noch in mittelalterlicher Zeit durch das Meer gestaltet worden. Sturmfluten hatten tiefe Trichter ins Land gerissen. Nach dem Heiligen, an dessen Tage eine solche Flut Land und Menschen Verderben brachte, wurde sie benannt. Noch in sp?teren Generationen wu?te man z. B. von der Marcellusflut, der "gro?en Manndr?nke" des Jahres 1362, die allein in der Harlebucht fast 7000 ha Land verschlang. Seit dem 11. Jahrhundert begannen die Menschen, durch Deichbauten sich gegen das Meer zu schützen. Was zun?chst nur im lokalen Umkreis, vereinzelt, begonnen worden war, wurde im Hochmittelalter zu einem umfassenden System ausgebaut, von dem im fernen Italien Dante erz?hlen h?rte und die Deiche das Wunder des Nordens nannte. Eine überzeitliche Aufgabe lag an der Küste nicht nur im Schutz des Landes gegen das Wasser, sondern auch in der Wiedergewinnung des Verlorenen. Am Dollart, wo nur eine einzige Sturmflut wie die von 1509 40 Siedlungen ins Meer rei?en konnte, gelang es, rund zwei Drittel des im Mittelalter verlorenen Landes zurückzugewinnen.

Ausschnitt aus der Karte Ostfrieslands von Ubbo Emmius ?
Abb. 3: Ausschnitt aus der Karte Ostfrieslands von Ubbo Emmius, kolorierter Nachstich nach der Erstausgabe des Autors von 1595, erschienen zu Amsterdam 1630.

Menschen, die Deiche bauten, in immerw?hrender Arbeit erweiterten, unterhielten und schützten, mu?ten – aufeinander im Kampf gegen das Meer angewiesen – unter pers?nlicher Freiheit den genossenschaftlichen Zusammenschlu? suchen. Feudale Herrschaft konnte sich hier nicht wie im Binnenland ausbilden. Das Meer bedingte die Eigenst?ndigkeit der friesischen Sozialverfassung.

In alts?chsischer Zeit lebten – so wird gesch?tzt – etwa drei bis fünf Menschen pro Quadratkilometer im nieders?chsischen Raum. Die Natur pr?gte ihr Leben, bestimmte ihre noch lange im Verborgenen weiterlebende Kultur. Mit steigender Bev?lkerungszahl hatten sich die Menschen in immer st?rkerem Ma?e mit der sie umgebenden Natur auseinanderzusetzen, hatten Siedlungskammern zu erweitern. Rodung hei?t auch in unserem Raum die Aufgabe, die dem Hochmittelalter etwa ab der Jahrtausendwende gestellt wird. Zahlreiche Ortsnamenendungen auf -rode erinnern ebenso an diesen Vorgang wie die geh?uft auftretenden -hagen-Endungen; hinter diesen verbergen sich Waldhufend?rfer, die mit regelm??ig hinter den H?fen aufgeteilter Flur an geplante und gelenkte Rodung, an Binnenkolonisation, erinnern, bei der den Siedlern Freiheitsrechte für die ungeheure Mühsal der Kulturlandgewinnung gew?hrt wurden. Binnenkolonisation: das hie? Auseinandersetzung mit dem "Unland", dem ?dland, den Sümpfen und Mooren. (Bis heute ist Niedersachsen das an Mooren reichste Bundesland geblieben.) Holl?ndische Siedler haben im Alten Land, in Kehdingen und Hadeln durch Deichbau und Entw?sserung von Sumpfniederungen das "Unland" urbar gemacht. Auch sie, die dem Hollerland den Namen gaben, wurden mit Freiheitsgew?hrungen ins Land geholt, was im sogenannten Hollergericht in den von ihnen aufgesiedelten Gebieten seinen Ausdruck fand.

So bedeutsam das Hochmittelalter insbesondere als Rodungsepoche für die Ausbreitung der Kulturlandschaft gewesen war, so war doch die ?dlandkultivierung in Niedersachsen eine die Epochen durchziehende Daueraufgabe. Hier m?gen die Hinweise auf die Fehnkolonien, deren gr??te seit 1638 nach holl?ndischem Vorbild bei Papenburg entstand, und auf die Moorkolonisation des Jürgen Christian Findorff (? 1792) genügen. Kultivierung des ?dlandes war Notwendigkeit, um Menschen Siedlungs und Nahrungsm?glichkeiten zu schaffen. In diesem Sinne wurde 1915 die Nieders?chsische Landgesellschaft gegründet, der nach dem Zweiten Weltkrieg noch als weitere Aufgabe die Integration vertriebener Bauernfamilien zufiel; in diesem Sinne wurde auch in der Nachkriegszeit der Emslandplan durchgeführt. Das mittelalterliche "Unland" ist im Nieders?chsischen bis in die Gegenwart auf 10 Prozent der Gesamtfl?che geschrumpft.

Jürgen Christian Findorff (1720?1792).
Abb. 4: Jürgen Christian Findorff (1720-1792).
Geschichte - Landesnatur
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