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Von der Weimarer Republik zur Gegenwart

Abdankungsurkunde
Abb. 20: Ernst August, Herzog von Braunschweig und Lüneburg, verzichtet am 8. November 1918 auf den Thron im Herzogtum Braunschweig.

Den Zusammenbruch des Kaiserreiches überlebten die nieders?chsischen Traditionsl?nder in ihrer ?u?eren Gestalt. Die Revolution hatte zwar die Fürsten vertrieben, aber als Reichsl?nder bzw. als Freistaaten bestanden Braunschweig, Oldenburg und Schaumburg-Lippe weiter. Hannover blieb Provinz Preu?ens. Die gro?en Probleme der Weimarer Zeit lasteten auch auf dem nordwestdeutschen Raum: Arbeitslosigkeit, Inflation, Strukturkrise der Landwirtschaft. Versch?rft wurde die Situation in verschiedenen Landschaften durch spezielle Probleme, z. B. die reichsweite überproduktion von Kali oder die geringe Rentabilit?t der Viehzucht in den Marschl?ndern, z. T. wegen hoher Einfuhrz?lle, welche eine starke ostelbische Lobby im Reiche durchzusetzen vermochte.

Der Aufstieg der NSDAP erschien auch im Nieders?chsischen unaufhaltsam. Diese Partei konnte seit 1929 ihren Stimmenanteil wie im Reich so auch in den nordwestdeutschen Landtagswahlen erheblich steigern. Indem sie nicht nur zu den Wahlk?mpfen, sondern nahezu permanent zu Kundgebungen und Aktionen aufrief, gelang es ihr, den Eindruck einer "Bewegung" nationalen Aufbruchs vorzut?uschen. Ende Mai 1932 konnte die Partei in Oldenburg sogar die Regierung bilden, konnte einen Vorgeschmack dessen geben, was sp?ter folgen und versch?rft werden sollte: Ausschaltung des Landtages, Knebelung der Presse, Einsetzen des Staatsapparats zur Propaganda. Doch alles war nur in Ans?tzen entwickelt – noch konnte etwa das Reichsgericht ein Verbot sozialdemokratischer Zeitungen rückg?ngig machen –, aber jeder vermochte zu sehen, wohin der Weg führen mu?te. Die oldenburgische Regierung hatte nach fünfmonatiger Amtszeit eine indirekte Prüfung in der Reichstagswahl vom November 1932 zu bestehen, dem einzig demokratischen Test dem sich die nationalsozialistische Gewaltherrschaft unterzog. Dabei mu?te die Partei einen Stimmenrückgang von fast 10 Prozent hinnehmen. Die Bewertung dieses Rückganges wird zwischen einem "nur" und einem "immerhin" schwanken. Auf jeden Fall zeigt dieses Ergebnis, da? der NSDAP eine gro?e Zahl von Proteststimmen zugefallen war; zum Teil wachten die Menschen auf, als sie die Folgen einer solchen Wahlentscheidung sahen.

Blut-und-Boden-Mystik und Rassenkult standen hinter der nationalsozialistischen Kultivierung einer Sachsenideologie. Bei Verden lie? man Findlinge von jeder Gemeinde aus nieders?chsischen Gauen heranschaffen, den Sachsenhain zur Erinnerung an das sogenannte Verdener Blutbad Karls des Gro?en errichten, feierte das Reichserntedankfest auf dem Bückeberg bei Hameln als Inszenierung faschistischen Gedankenguts. Mit dieser Sachsenideologie h?ngt zusammen, da? in Celle das Reichserbhofgericht geschaffen, da? zur Reichsbauernstadt ausgerechnet Goslar gew?hlt wurde.

Hinter der ideologischen Fassade eines bodenverwurzelten s?chsischen Bauernstammes setzten die Nationalsozialisten mit teilweise planwirtschaftlichen Methoden die Industrialisierung des Agrarstaates fort. Die Reichswerke (Hermann G?ring Werke) um Salzgitter entstanden, in Wolfsburg wurde das Volkswagenwerk errichtet.

Nach der sogenannten Machtergreifung waren die Nationalsozialisten den Weg, dessen Richtung sie in Oldenburg schon markiert hatten, weitergegangen. Die Erfahrungen der vielen Wahlk?mpfe der Weimarer Zeit hatten ihnen gezeigt, welche Kreise ihre Agitation am wenigsten beeindrucken konnte: die Arbeiterschaft und die in der Diaspora lebenden Katholiken. Gegen diese Menschen richtete sich vor allen Dingen ihre auf Einschüchterung bedachte Willkürherrschaft. Konzentrationslager entstanden, allein 15 Emsland Lager wurden für politische H?ftlinge und Kriegsgefangene eingerichtet, aber selbst das berüchtigte Esterwegen wurde an Grauen, an schrecklicher Berühmtheit übertroffen von dem 1943 als Sammellager für Juden aus den besetzten Gebieten errichtete Bergen Belsen.

Am Ende der nationalsozialistischen Zeit lag das Land in Trümmern. Die Bombenn?chte des Weltkrieges hatten seit 1943 die St?dte Braunschweig, Emden, Hannover, Hildesheim, Osnabrück und Wilhelmshaven am schwersten getroffen. über 50 Prozent der Wohnungen, in Emden gar 74 Prozent waren zerst?rt, die Altst?dte von Hildesheim, Osnabrück, Braunschweig und Hannover mit ihren unersetzlichen Bauwerken in Flammen aufgegangen.

Osnabrück nach den ersten alliierten Luftangriffen von 1942.
Abb. 21: Osnabrück nach den ersten alliierten Luftangriffen von 1942.

Nachdem die Wehrmacht am 4. Mai 1945 an der britischen Front kapituliert hatte, stellten Offiziere der Besatzungsmacht im staatsrechtlichen Niemandsland die Weichen. In der britischen Zone wurde der Staat Preu?en für nicht existent erkl?rt, die alten L?nder wiederhergestellt. In dem Ende 1945 gebildeten "Gebietsrat Niedersachsen", dem Funktionen der früheren obersten Reichsbeh?rden unter der Kontrolle der Besatzungsmacht übertragen worden waren, erscheint der Sozialdemokrat Hinrich Wilhelm Kopf, der sp?tere Ministerpr?sident als der führende Mann. Seinem Geschick vor allem war es zu verdanken, da? aus den 16 Pl?nen zur Neugestaltung des Raumes, begleitet von einem schwierigen Meinungsbildungsproze?, sich trotz aller regionaler Widerst?nde das sp?tere Bundesland Niedersachsen herausbildete, ins Leben gerufen durch die Verordnung Nr. 55 der britischen Milit?rregierung vom 8. November 1946.

Zum 1. November 1946 tritt die Verordnung zur Gründung des Landes Niedersachsen in Kraft. ?
Abb. 22: Zum 1. November 1946 tritt die Verordnung zur Gründung des Landes Niedersachsen in Kraft.

Der Gedanke zur Bildung eines Landes Niedersachsen kam nicht unvorbereitet. (An Traditionen des nieders?chsischen Reichskreises und an die w?hrend des an Pl?nen reichen Wiener Kongresses kurzfristig erwogene Neubildung eines nieders?chsischen K?nigreiches ist hier zu erinnern.) Obwohl die politischen Strukturen im 19. Jahrhundert noch in bereinigter Form bestehenblieben, war die Entwicklung zu überstaatlicher Raumerfahrung unabweisbar. Die Bildung des Landes Niedersachsen war zu guten Teilen im 19. Jahrhundert durch die Entwicklung von Verkehrsverbindungen vorbereitet. Das im Sp?tmittelalter weitgehend festgelegte Wegenetz wurde durch den Chausseebau des 18. Jahrhunderts (erstmals in Niedersachsen 1763 G?ttingen und Hannover verbindend) verbessert, aber nicht so entscheidend ver?ndert wie dann im 19. Jahrhundert Eisenbahnlinien entstanden.

1838 wurde als erste Staatsbahn Deutschlands die Strecke Braunschweig-Wolfenbüttel erbaut –, die zwar rechtlich den jeweiligen Staaten unterstanden – so gab es eine eigene oldenburgische Bahnverwaltung –, aber in ihrer Streckenführung über die territorialen Grenzen notwendigerweise hinauswiesen. Trotz hannoverscher Widerst?nde gewann 1867 Oldenburg über die Linie Bremen-Wilhelmshaven Anschlu? an das Schienennetz. Seit Ende des Jahrhunderts machten sich auch in den Kanalbauten gro?r?umig denkende Wirtschaftskr?fte bemerkbar. Ab 1855 entstand der Hunte Ems Kanal, Vorl?ufer des 1922 verbreiterten Küstenkanals. Von 1880 bis 1887 wurde der Dollart und Jadebusen verbindende Ems Jade Kanal erbaut, seit 1899 war der Dortmund-Ems Kanal in Betrieb, der Mittellandkanal schlie?lich (1911–1938) stellte den südn?rdlich gerichteten Flu?l?ufen die verbindende, dringend erforderliche West Ost Verbindung zur Seite.

Zu den wichtigsten wirtschaftsf?rdernden Ma?nahmen z?hlte der Ausbau der Wasserwege. ?
Abb. 23: Zu den wichtigsten wirtschaftsf?rdernden Ma?nahmen z?hlte der Ausbau der Wasserwege.

Verflechtungen in Wirtschaft und Verkehr stehen hinter Neuordnungspl?nen, die unter dem Stichwort "Reichsreform" w?hrend der Weimarer Republik erwogen wurden. Schon der Verfassungsentwurf von Hugo Preu? hatte 1919 die Bildung eines Schleswig-Holstein einschlie?enden nordwestdeutschen Staates "Niedersachsen" vorgesehen, und entsprechende Gedanken verbanden sich immer mit Neuordnungspl?nen der Folgezeit, die neben den nicht zu untersch?tzenden Wünschen der Wirtschaft von zwei Motiven gepr?gt waren, n?mlich einmal das territoriale übergewicht Preu?ens angemessen zu reduzieren, um eine ann?hernde Gleichheit der L?nder des Deutschen Reiches zu erzielen und zum zweiten, aus welfischen Traditionen stammend, das Bemühen um eine eigenst?ndige, von Preu?en unabh?ngige Staatlichkeit. (Ein Volksbegehren zur Bildung eines eigenen Hannoverschen Staates scheiterte 1924, nicht zuletzt wegen der ablehnenden Haltung der in Preu?en regierenden SPD.)

Von daher ist verst?ndlich, da? im ehemaligen K?nigreich Hannover der Schwerpunkt der Niedersachsen-Bestrebungen lag. Der 1835 unter programmatischem Namen gegründete Historische Verein von Niedersachsen hatte in diesem Raum ebenso die meisten Mitglieder wie der Nieders?chsische Heimatbund von 1901, der z. B. im Oldenburgischen kaum Anklang fand.

Die Nationalsozialisten hatten bei aller Sachsenideologie nichts für eine entsprechende Raumgliederung getan. Sie schufen ein Organisationswirrwarr mit dem erwünschten Ergebnis, da? die alten, gewachsenen Ordnungen auf reine Verwaltungst?tigkeiten beschr?nkt wurden, die politischen Entscheidungen aber bei den Gauleitern in den drei neugeschaffenen (an die Reichstagswahlkreise angelehnten) Parteigauen Weser Ems, Südhannover-Braunschweig und Osthannover lagen.

Als am 20. April 1947 der von der Milit?rregierung eingesetzte Landtag durch eine frei gew?hlte Volksvertretung abgel?st wurde, war der Aufbau des Parteiwesens noch nicht abgeschlossen. Am schnellsten hatte sich die SPD konsolidiert, deren Parteizentrum unter Kurt Schumacher in enger Beziehung zum Londoner Exilvorstand der Partei in Hannover lag. Die CDU stand vor gr??eren Problemen. Das Zentrum einerseits (erst mit der Landtagswahl von 1955 aus der nieders?chsischen Politik ausscheidend) und DP (Deutsche Partei) sowie BHE (Bund der Heimatlosen und Entrechteten) andererseits begrenzten ihre W?hlerschichten. Als 1963 die genannten Parteien nicht mehr zur Landtagswahl antraten, hatte die CDU die Zahl ihrer Landtagssitze seit 1947 von 30 auf 62 verdoppeln k?nnen.

Der Aufbau der Demokratie in Niedersachsen – am 13. April 1951 war die vorl?ufige nieders?chsische Verfassung in Kraft getreten – war von dem gro?en Problem der Integration der Flüchtlinge begleitet. Im Jahre 1951 bildeten Vertriebene und Flüchtlinge 30 Prozent der nieders?chsischen Bev?lkerung; sie hatten vielfach schlimme Zeiten hinter sich, mu?ten zun?chst zumeist in Lagern und Baracken leben, die Spannungen mit der einheimischen Bev?lkerung waren anfangs betr?chtlich. Da? dennoch die Integration gelang, spiegelt sich im Niedergang jener Partei wider, die zun?chst als BHE und sp?ter als Gesamtdeutsche Partei sich den Anliegen der Flüchtlinge verschrieben hatte, die 1951 fast 15 Prozent der Stimmen gewinnen konnte, aber seit 1963 nicht mehr im Landtag vertreten war. Diese Integration stellt wohl die bedeutendste historische Leistung der nieders?chsischen Zeitgeschichte dar, sie ist ein Zeichen für die Stabilit?t des 1946 geschaffenen demokratischen Gemeinwesens.

Als am 9. November 1989 die innerdeutsche Grenze zun?chst ge?ffnet wurde und schlie?lich fiel, war zugleich ein schlimmes Kapitel der nieders?chsischen Geschichte abgeschlossen. Diese im Bereich des Landes 549 km lange Grenze war im Londoner Protokoll vom 12. September 1944 über die Einteilung Deutschlands in Besatzungszonen festgelegt und dann auf der Potsdamer Konferenz Ende Juli 1945 erg?nzt und modifiziert worden. Die Demarkationslinie sollte im wesentlichen den alten Territorial bzw. Provinzialgrenzen – für Niedersachsen also denen zu Mecklenburg, Brandenburg, Sachsen Anhalt und Thüringen – folgen, wobei nur das rechtselbische hannoversche Amt Neuhaus gegen das mecklenburgische Gebiet Kaltenhof westlich der Elbe und der ?stliche Teil des braunschweigischen Kreises Blankenburg im Zuge einer Grenzrevision ausgetauscht wurden. In der unmittelbaren Nachkriegszeit hatte diese Demarkationslinie noch keinen ausgesprochenen Grenzcharakter; sie verlor ihr Durchl?ssigkeit im Sommer 1952, als die DDR mit einem 1,20 m hohen Stacheldrahtzaun, dem ein 500 m breiter Schutzstreifen vorgelagert wurde, ihre Staatsgrenze sicherte, diese Grenze 1961 im Zusammenhang mit der Errichtung der Berliner Mauer mit h?herem Stacheldrahtzaun, verminten Zwischenr?umen weiter verst?rkte, diese Grenzbefestigungen seit 1966 bis zum Beginn der siebziger Jahre mit Erdbunkern, Plastikminen und einem 3–4 m hohen Doppelzaun sowie an besonderen Abschnitten mit Elektroz?unen, Signal und Hundelaufanlagen zum sogenannten antifaschistischen Schutzwall ausgestaltete.

Amtliches Flugblatt für Besucherder innerdeutschen Grenze von 1965
Abb. 24: Amtliches Flugblatt für Besucher der innerdeutschen Grenze von 1965

Die Grenze ri? kulturell gewachsene R?ume auseinander wie das Eichsfeld, das Blankenburger Land im Harz, sie trennte, um kleine Beispiele zu w?hlen, seit Jahrhunderten zusammengewachsene Nachbard?rfer wie Zicherie und B?ckwitz, sie schnitt Duderstadt von seiner Wasserversorgung ab. Viel schlimmer aber war, viel grunds?tzlicher: Seit dem Mittelalter war die Elbe nie Grenzstrom, sondern Lebensader Sachsens gewesen. Das heutige Niedersachsen war schon im Mittelalter Brückenlandschaft des niederrheinisch westf?lischen Handels mit dem Ostseeraum geworden. Die sogenannte Zonengrenze verkürzte entscheidend historisch entwickelte Lebensgesetze unseres Raumes. Das wird in den Standortproblemen, konkret welche die st?dtischen Verdichtungsr?ume in Lüneburg, Wolfsburg, Braunschweig, Hildesheim und G?ttingen hatten, die das nieders?chsische Zonenrandgebiet als ein vielseitig strukturiertes Wirtschaftsgebiet erkennen lassen, das mit den generellen Problemen (Zonenrandgebiete sind normalerweise Abwanderungsgebiete, schwach an expandierenden Industrien) unter gro?en Mühen fertig werden mu?te.

Die Zonengrenze hatte nicht nur Auswirkungen auf das ?stliche und südliche Niedersachsen, sie wirkte sich auf den Wirtschaftsraum des gesamten Landes aus, sie betraf nicht nur das Braunkohlerevier ?stlich des Elm, das seit 1873 ein Zentrum des braunschweigischen Kohlebergbaus geworden war, sondern die gesamte Wirtschaft des Landes. Der Mittellandkanal konnte seinem Namen nicht mehr gerecht werden, die Eisenbahnverbindung K?ln Hannover Leipzig war als Ost West Verbindung entwertet, und die Autobahn Hannover Berlin verengte sich durch den Grenzübergang Helmstedt/Marienborn in ihrer Funktion.

Die Gegenwart zeigt: Ein Mehr an Pflichten wird Land und Leuten auch in Niedersachsen durch Deutschlands Einheit abgefordert; die Geschichte aber lehrt, weiter zu blicken und die Chancen, welche die Einheit in der Zukunft für das Land bietet, zu erkennen.

Ernst Schubert

Ernst Schubert ?
Ernst Schubert

Ernst Schubert

1941–2006
Direktor des Instituts für Historische Landesforschung an der Universit?t G?ttingen
Vorsitzender der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen

Ein Verzeichnis s?mtlicher Ver?ffentlichungen von Ernst Schubert ist erschienen in:

Herrschaftspraxis und soziale Ordnungen im Mittelalter und in der frühen Neuzeit. Ernst Schubert zum Gedenken. Herausgegeben von Peter Aufgebauer und Christine van den Heuvel unter Mitarbeit von Brage Bei der Wieden, Sabine Graf und Gerhard Streich,

Hannover: Verlag Hahnsche Buchhandlung 2006, S. 575–591.

Geschichte - 20. Jahrhundert
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